Junge Frauen feiern in Online-Communitys gemeinsam ihre Bücherliebe. Besonders gefragt ist romantische Unterhaltungsliteratur. Dabei sind dunkle Liebesromane (Dark Romance) mit drastischen Sex- und Gewaltdarstellungen ein beliebtes und gleichzeitig umstrittenes Genre. Kritische Stimmen werfen den Büchern vor, toxische Beziehungen und nicht-konsensuellen Sex zu verherrlichen und fordern eine Altersfreigabe ab 18 Jahren. Zu Recht?
LV - The author kindly gave me a translation of the title: "Dark Romance Books Between Reading Pleasure and Moral Panic: A Guide for Educational Practice."
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Denn Dark-Romance-Geschichten sind in der Regel Transformationsgeschichten, die davon handeln, wie es im Angesicht von Gewalt positiv weitergehen kann. Mit der von der Kritik floskelhaft wiederholten Behauptung, hier werde Gewalt eindimensional „glorifiziert“, hat das wenig zu tun. Warum sollten Frauen, die Gewaltprobleme zu Genüge kennen und schon oft am eigenen Leibe erfahren haben, Gefallen an Geschichten finden, die Gewalt gegen Frauen „verherrlichen“?
Dark Romance spielt nicht in einer heilen, son-dern oft in einer kaputten Welt, in der die Bedrohung durch Gewalt, die Angst vor Gewalt und die zerstörerische Kraft von Gewalt allgegenwärtig sind. Indem Dark Romance im Milieu von Mafia, kriminellen Banden, Menschenhandelsnetzwerken, zwielichtigen Sexclubs und dekadenten, drogenverseuchten Elite-Internaten angesiedelt ist, greift die Gattung Gewalt, meist vor allem sexuelle Gewalt, als Thema auf. Dabei wird Gewalt in der Regel klar als solche benannt und verurteilt. Ein wichtiger Aspekt der Bücher ist die Rache an Täterfiguren. Gerade weil Gewaltopfer im realen Leben oft keine Gerechtigkeit erfahren, kann es kathartisch sein, in der fiktionalen Romanwelt Vergeltungsschläge zu verfolgen, bei denen Missbrauchstäter und Vergewaltiger zur Rechenschaft gezogen werden. (viii-xi)
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Wer die dunklen Liebesromane in Gänze betrachtet, die Handlungsbögen und Charakterentwicklungen der Transformationsgeschichten verfolgt, wird feststellen, dass diese in erster Linie von und für Frauen geschriebenen Geschichten verschiedene Aspekte von Gewalt narrativ verarbeiten, wobei jedes Buch andere Schwerpunkte setzt: Es geht um die Allgegenwärtigkeit von Gewalt, die Angst vor Gewalt, die zerstörerische Kraft von Gewalt, Rachefantasien gegenüber Gewalttätern sowie um Hoffnung auf Überleben, Rettung und Heilung durch Liebe, schließlich befinden wir uns in der Gattung des Liebesromans. (x)
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Dabei ist klar, dass Fantasievorstellungen von Kontrollverlust nicht bedeuten, dass reale Übergriffe akzetiert oder gewollt werden. Es gibt vielfältige psychologische Erklärungsansätze dafür, warum das Gefährliche und Verbotene im Safe Space der eigenen Fantasie und der selbstgewählten Fiktion einen so großen Reiz ausüben kann – auch und gerade, wenn es den eigenen Wertvorstellungen völlig widespricht. Das Spektrum der Erklärungen reicht von einer imaginierten Rebellion gegen einengende gesellschaftliche Normen über den Kitzel des vorgestellten Tabubruchs und die Faszination an Übersteigerung bis hin zum Schlüpfen in eine der Alltagsidentität widersprechenden Rolle und der hilfreichen Verarbeitung von Ängsten und Traumata (Critelli & Bivona, 2008; Gewirtz-Meydan et al., 2021). Keine dieser Funktionen rechtfertigt oder propagiert reale Gewalt. Vielmehr ist ein Teil der erotischen Gewaltfantasien eher als Reaktion auf Gewalterfahrungen und deren Verarbeitung zu interpretieren. Dabei ist sich die psychologische Forschung einig, dass Menschen wenig Einfluss darauf haben, welche Gedanken und Vorstellungen sie sexuell erregend oder abstoßend finden. Eine moralische Verurteilung dunkler Fantasien, auch eine Selbstverurteilung, bringt sie nicht zum Verschwinden, verstärkt sie oft sogar, und sorgt zudem für schädliche Scham- und Schuldgefühle. Im Sinne sexueller Gesundheit wird daher aus therapeutischer Sicht dazu geraten, vorhandene grenzwertige Vorstellungen zu akzeptieren und bewusst in einem sicheren Rahmen auszuleben, eben in der eigenen Fantasie, in selbstgewählten legalen Mediendarstellungen oder im einvernehmlichen Rollenspiel. Dark-Romance-Bücher liefern denjenigen Leserinnen, die entsprechende Fantasien und Leseinteressen mitbringen, nicht nur individuell, sondern auch kollektiv einen Raum des Austauschs (Popova, 2021). (xiii)
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Die Transportationstheorie legt nahe, dass die Wirkung fiktionaler Dark-Romance-Geschichten weder eindeutig vorhersehbar noch einseitig schädlich ist – vielmehr hängt sie wesentlich vom Umgang mit den jeweils ausgewählten Texten ab.
Stark verzerrende Wirkungen auf das eigene Beziehungs- und Sexualitätsbild sind soziali-sationstheoretisch durch fiktionale Buchlektüre eher nicht zu erwarten. Denn selbst wenn Jugendliche relativ früh mit einzelnen Dark-Romance-Büchern in Kontakt kommen, haben sie doch zuvor durch Elternhaus, Freundesgruppe, Schule, sexuelle Bildung, Kirche, kulturelle Normen, persönliche Erfahrungen und sonstige Einflüsse vielfältige Botschaften über Beziehungen, Geschlechterrollen, Gewalt und Sexualität aufgenommen. (xiv)
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Dark Romance ist – ebenso wie die populäre Kritik daran – ein Spiegel unserer Zeit. Was sich in diesem Genre ausdrückt, ist das Bedürfnis, Liebe nicht süßlich zu verklären, sondern damit verbundene Gewalterfahrungen sowie sexuelle Sehnsüchte kraftvoll zu artikulieren. Dark Romance tut das mit Mut zur Grenzüberschreitung, mit Lust an der Provokation, mit der Bereitschaft, Ambivalenzen darzustellen und auszuhalten, und ohne Rücksicht auf die Norm weiblicher Sittsamkeit und Zurückhaltung. (xx)
Here's the abstract:
LV - The author kindly gave me a translation of the title: "Dark Romance Books Between Reading Pleasure and Moral Panic: A Guide for Educational Practice."
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